24. Februar 2013

Time of my life

Patenbitten des Schützenvereins. Dieselben Freunde wie gestern, nur ein anderer Ort - und eine andere Atmosphäre. Ich muss ein Gedicht vortragen und später mit allen anderen wichtigen Personen auf die Bühne, um dort irgendwelche peinlichen Sachen zu machen. Hurra, wer hat sich diese Scheiße ausgedacht?
Ich bin eigentlich ein traditionsbewusster Mensch, wirklich. Aber wegen der Tradition Nudelsuppe mit löchrigem Löffel zu essen, statt Schnaps Semmelbrösel zu kriegen und Wackelpudding mit Waldmeistergeschmack oder Rote Bete essen zu müssen, das ist echt nicht okay. Trotzdem bringen wir - abgesehen von einem kleinen Zwischenfall, bei dem eine meiner besten Freundinnen auf die Bühne reihert - selbst Schnupftabak und ekligen Schnaps hinter uns. Wen interessiert's, Hauptsache, alle andern finden es lustig, wir können uns ja gern mal zur Abwechslung zum Affen machen.
Als wir unter lautem Applaus und anerkennenden Rufen die Bühne verlassen, fühle ich mich, als würde ich schweben. Ob es nun an Bier und Likör oder am siegreichen Gefühl liegt - ich weiß es nicht. Fest steht, heute kann ich alles erreichen, heute steht alles in meiner Macht.
Die folgenden Stunden sind die besten meines Lebens. Deutlich angetrunken sitzen wir um den langen Tisch, lachen und reden. Viele Insiderwitze werden heute geboren, viele Versprechen gegeben. In zehn Jahren wollen wir uns alle treffen und die Fotos von heute ansehen, alle zusammen. In zwei Wochen werden sie wir das erste Mal ansehen, und dann alle zusammen einen Horrorfilm sehen. (Ich zähle die Tage bis übernächsten Freitag.)
Meine Spiegelreflex liegt vor mir, die ganze Zeit, bis ich sie endlich zur Hand nehme und beginne, selbst Fotos von den anderen zu schießen. Sofort wendet sich die allgemeine Aufmerksamkeit mir zu und alle interessieren sich plötzlich für Fotografie. Jeder möchte Fotos machen, die Kamera wandert von Hand zu Hand, mein Heiligtum. In einer Hand bleibt sie stehen. In der von dem Freund, mit dem ich gestern schon geflirtet habe. Dem Freund, dem ich blind mein Leben anvertrauen würde. Er durchschaut sofort, wie man die Kamera bedient, und die nächste halbe Stunde ist er nicht mehr davon wegzukriegen. Er schießt ein Foto nach dem anderen, ich beobachte ihn dabei und fühle förmlich die Begeisterung, die er abstrahlt. Er hat ihn, den Blick. Den Fotografenblick. Hinter den Brillengläsern strahlen seine ernsten Augen genau die Präzision und Aufmerksamkeit aus, die sich so viele mühsam aneignen mussten, vielleicht auch ich, wer weiß. Ich spüre, er ist nicht unr schön, wenn er lächelt. Er ist schön, wenn er mit kritischem Blick in den Sucher schaut. Er ist auch schön, wenn er in die Kamera sieht, egal ob lachend oder ernst. Er ist schön, wenn er sich neben mich setzt, mit mir die Fotos ansieht und beurteilt, ob sie gut sind. Er ist schön, weil er sich dabei fast nie irrt. Er ist so schön, die ganze Nacht hindurch, und ich kann nicht genug von seinem Anblick haben. Nicht genug davon, wie er die Kamera "mein Baby" nennt und keiner auf den Gedanken kommt, dass es eigentlich meine ist. Ich könnte mich in ihm verlieren. Zusammen laufen wir nach draußen, er, ich, meine Freundin, und die Kamera. Frische Luft schnappen, damit die Welt aufhört, sich vor unseren Augen zu drehen.
Immrr mehr von unserer Gruppe stoßen dazu und schließlich bitten wir den Nächsten, der vorbeiläuft, ein Gruppenfoto von uns zu machen. Alle zusammen strahlen wir in die Kamera und fühlen uns unbesiegbar, weil wir alle sind und uns wortlos verstehen und uns gegenseitig das Leben anvertrauen würden, auch wenn das niemand ausspricht. Kurz darauf stehen wir alle in einem engen Kreis, gegen die Kälte ankämpfend. Alle gleichzeitig wollen die Fotos sehen, wie immer, und ich reiche die Kamera herum. Als sie bei ihm angekommen ist, beobachte ich ihn, wie so oft. Wie er seine Stirn runzelt, als er näher zoomt und die einzelnen Gesichter scannt. Und plötzlich, hier im Schnee, wird mir klar, dass ich drauf und dran bin, mich in einen Jungen zu verlieben, den ich nicht haben kann. Weil ich in der Nähe meiner Freundin keinen haben kann. Keine Ahnung, woran es liegt, aber sie fliegen alle auf sie, neben ihr steht jede da wie das letzte Mauerblümchen. Ich bin mir noch nicht sicher, aber er hat sie auf die Wange geküsst, oft, mich nicht. Und er wollte mit ihr mit nach Hause fahren, nicht mit mir. Vielleicht liegt es auch nur daran, dass ich früher fahren musste als sie. Vielleicht.
Ich will mir nicht schon wieder mein Herz kaputthauen lassen. Aber vielleicht ist das genau das, worauf ich es die ganze Zeit anlege.

PS: wer bis hierher gelesen hat, ist der King. Danke, dass du dir die Zeit nimmst und das hier alles liest.

1 Kommentar:

  1. ...traurig. ich kenne das problem. sehr gut sogar...
    versuch es. follow your hear, but take your brain with you.

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