Und urplötzlich, zwischen Facebook-Smalltalk und dunkler Schokolade, lauert die Erkenntnis, sie schlägt zu wie scharfe Krallen in meinem Fleisch. Gloria Gaynor verharrt stumm, mitten im geschmetterten I will survive stockt ihre Stimme und lässt die Welt kurz stehen. Auf dem Kopf. Ich starre auf den Text am Bildschirm. "Nein, ich glaube nicht, dass er arrogant ist. Er lässt nur außer seinen besten Freunden keinen näher an ihn ran, und das lässt ihn so unnahbar und eben arrogant wirken. Und, sorry, aber das macht es auch so schwierig, an ihn ranzukommen. Ich meine, er macht zwar auf jeder Party mit einer anderen rum, aber ich glaube, das ist nicht das, was du willst. Du willst nicht seine Lippen, sondern sein Herz. Und das kriegt keiner." Sie hat Recht. So verdammt Recht. Und ich war zu blöd, das alles zu erkennen.
"Du bist ein Herzgenie, hat dir das schon jemand gesagt? Jedes einzelne Wort stimmt." Meine Finger hämmern in die Tasten, als wäre die Tastatur schuld an meinem Kummer.
"Was ist ein Herzgenie? :D Aber ich glaube, ich weiß, was du meinst. Und ich bin noch nicht fertig. Ich kann dich mit ihm verkuppeln oder Ähnliches, zumindest könnt ihr euch richtig kennenlernen. Du weißt, dass ich das irgendwie arrangieren könnte. Willst du das?"
Dieses Mal schreibe ich nicht sofort, ich sitze stumm da und lasse ihren Vorschlag auf mich wirken. Er weckt eine Bitterkeit in mir, eine Bitterkeit, die mich seit Wochen nun schon verfolgt. Und heute beschließe ich endlich, dass ich ihr reinen Wein einschenken muss. "Das macht mich krank. Du weißt schon, dass du das einfach so entscheiden kannst. Kennst du solche Probleme überhaupt? Ich weiß nicht, wie du das siehst, aber für mich bist du diejenige, die den Mittelpunkt für sich beansprucht und ich werde von deinem Glanz mehr und mehr geblendet. Versteh mich nicht falsch, ich bin nicht neidisch auf dich. Aber es ist sehr schwer, neben dir noch halbwegs gut rüberzukommen." Enter-Taste. Ihre Antwort braucht länger als bisher. Kein Wunder, schließlich habe ich sie gerade mit einigem konfrontiert.
"Du glaubst also, ich bin die Einzige, die die Jungs wollen?"
So ungefähr, ja. Als ich ihr das schreibe, bleibt es virtuell ruhig, aber ich kann sie vor mir sehen, wie sie entgeistert auf die Tastatur einhackt.
"Also echt, ich glaub's ja nicht! DU bist diejenige, die sie in Wahrheit wollen. Du bist die Unnahbare, die Schöne, Unerreichbare. Das höhere Wesen quasi. Sie haben Angst vor dir! Angst, dich anzusprechen. Angst, sich vor dir zu blamieren. Angst, von dir abgewiesen zu werden. Ich sag jetzt nicht, dass das für alle gilt. Aber für viele. Und was Lucas anbelangt - so gesehen bist du praktisch sein weibliches Gegenstück. Du lässt niemanden an dich ran außer mir und den paar Jungs."
Ich schnaube. Ja, sicher.
"Du verarschst mich doch nur."
"NEIN! Es stimmt, ich weiß es aus erster Hand. Aber frag gar nicht erst, ich werd dir nicht verraten, wer mir das gesagt hat."
Das haut mich um. Gloria hat ihre Stimme wiedergefunden und singt weiter, singt um ihr Überleben, und ich, ja, ich werde wohl auch überleben.
"Und weil sich das schon zum Abend der Wahrheiten entwickelt hat -", schreibt sie, "du kannst den Mittelpunkt gerne haben. Ich stelle mich nicht absichtlich hinein, ich wollte ihn nie."
"Ich will nicht den Mittelpunkt. Ich will Lucas!"
"Gut. Dann verkuppel ich euch beide, wenn du unbedingt möchtest. Aber sei gewarnt - ich glaube nicht, dass er gut für dich ist. Genauso wie Fabi für mich."
"Ich weiß, dass er nicht gut für mich ist. Aber haben will ich ihn trotzdem! Was ist mit Fabi? Ich dachte, ihr seid zusammen?"
"Du kannst ihn haben. Wird zwar schwierig, aber für dich tu' ich alles. Und Fabi ... Wir waren nie zusammen. Ich hab' ihn in den Wind geschossen."
"Warum? Bist du jetzt komplett verrückt geworden?! Ich weiß, dass du volle Kanne auf ihn stehst. Und er frisst dir aus der Hand!"
"Eben nicht. Er will zwar körperlich was von mir, aber das war's auch schon. Und das reicht mir genausowenig wie dir." Sogar aus dem Text hört man den resignierten Unterton heraus und ich beschließe spontan, dass das nicht sein darf.
"Zieh keine so voreiligen Schlüsse. Ich habe gesehen, wie er dich anschaut, und das kann man nicht spielen. Gib nicht auf! Wie oft hab ich dir das schon gesagt?"
"Ich kann nicht mehr. Wenn mir noch einer das Herz bricht, dann ist es vollends vorbei mit dem Mittelpunkt, weil ich dann die Schnauze voll hab."
"Weißt du was? Zähl auf mich. Ich werde da sein, wenn du mich brauchst. Denn auch wenn du eine fürchterliche Zicke bist, die sich ständig in den Mittelpunkt drängt, bist du immer noch meine beste Freundin!" Ich grinse, als ich die Worte tippe und abschicke. Sie sind wohl die tiefste Wahrheit, die heute ausgesprochen - oder ausgeschrieben - wird.
"Haha. Gleichfalls, ohne dich wäre ich doch schon längst in der Klapsmühle gelandet." Ich muss lachen, weil das gar nicht so abwegig ist, wenn man ihre gelegentlichen Eskapaden betrachtet.
"Ich sowieso. Und was unsere Jungs angeht - die Geschichte ist noch nicht vorbei, liebste Leo."
"Niemals. Juli, wir schreiben Geschichte, und die hat gerade mal angefangen." Damit verlässt sie den Chat. Offline. Gloria Gaynor dudelt weiter und hinterlässt einen bittersüßen Geschmack auf meinen Lippen. Wir schreiben Geschichte, und wie. Aber ob wir eine Komödie oder ein Drama schreiben, das steht noch in den Sternen.
-- Ist dieser text als bewerbung zu einem schreibworkshop mit dem thema 'wir beide' geeignet? bitte bitte sagt mir eure ehrliche meinung, mir ist der workshop sehr wichtig --
Bei "wir beide" denke ich erstmal spontan an Liebe und hier geht es mehr um Freundschaft. Aber ich denke, dass viele so denken und dein Text vielleicht eben gerade deshalb geeignet ist: Weil er nicht so ist.
AntwortenLöschenAllgemein finde ich ihn auch geeignet, weil es eben nicht nur "wir beide" ist, sondern drei verschiedene "wir beide"'s. Also. Sozusagen. Wenn du weißt, was ich meine.
Auf jeden Fall wünsche ich dir sehr viel Glück. ♥
Es tut mir Leid, dass ich dir daarauf gerade nicht antworten, hab nicht die Zeit, aber das was ich überflogen habe, fand ich sehr passend.
AntwortenLöschenWeil es eben nicht das Klischee war. Find ich gut, abwechslung tut gut.
Ich wollte dir danken. Danke, danke, danke!
Aber wenn mir diese Sucht irgendwann kaputt macht, weil ich sie nicht kontrollieren kann, was ist dann?
Lina♥
Ich finde den Text toll.
AntwortenLöschenEr ist berührend, Ich glaube fast jeder Mensch kann sich ein Stück weit darin wiederfinden.
deine Worte haben etwas fesselndes, eine gewisse Kraft und eine gewisse Energie.
Liebe grüße and good luck